
Auf das Wesentliche reduziert, ist Stress eine Antwort auf einen Reiz im zentralen Nervensystem. Stress dient dem System zur Vorbereitung auf eine Situation, eine Belastung oder Herausforderung, um adäquat damit umzugehen. Dabei ist die persönliche Wahrnehmung entscheidend! Was für den einen Menschen sehr belastend ist, ist für einen anderen annehmbar. So, wie wir ganz individuell Stress empfinden, ist auch unsere Reaktion darauf: Unterschiedlich geprägt von früheren Erfahrungen ähnlicher Situationen, Denkmustern, erlernten Verhaltensweisen, psychischer oder körperlicher Konstitution.
Egal, ob wir denken, uns bewegen, etwas fühlen, essen oder schlafen. Das zentrale Nervensystem arbeitet IMMER und ist deshalb sehr darauf bedacht, dass ALLE Abläufe so schnell und effektiv wie möglich gelingen. Diese automatischen Prozesse sorgen dafür, dass wir unseren Alltag reibungslos bewältigen können. Alles, was wir immer und immer wieder geübt, gedacht und getan haben, wird für richtig und gut befunden und in diesen Automatismus aufgenommen und abgespeichert.
So geschehen sehr viele Vorgänge gleichzeitig ohne unser Zutun, damit unser Körper alle Aufgaben ungehindert bewältigen kann. Als einfaches Beispiel können wir abwechselnd essen und trinken, uns dabei unterhalten, mit dem Fuß zur Musik wippen und nebenbei haben wir uns aufrecht gehalten, uns umgeblickt und andere Menschen registriert, geatmet und verdaut. Kritisch wird es dann, wenn wir lang andauernden, vielen verschiedenen Reizen oder extremen Belastungen ausgesetzt sind. Dies können zum Beispiel Angst, Trauer, ungelöste Konflikte, längeres Grübeln, Krankheit, Entzündungsprozesse, hohe körperliche Leistung oder ständige Reizüberflutung sein. Eine solche Überbelastung kann der Körper ohne Regenerationsphasen nicht lange aufrecht erhalten. Jede Aktion erfordert eine Entspannung!
Foto: Jerzy Górecki
Da in Stresssituationen die Nervenaktionen insgesamt erhöht sind, kommt es auf Dauer zur Dysfunktion auf allen Ebenen, weil unser System die Menge an Reizen nicht mehr kompensieren kann. Irgendwann kann es nicht mehr filtern und unterscheiden, was wichtig ist und was nicht. Es kann ein ganz unbedeutender Moment sein, der dann sozusagen das Fass zum Überlaufen bringt. Anscheinend unversehens entsteht eine Allergie, wie aus heiterem Himmel reagieren wir ganz anders als gewöhnlich, schlagartig tritt ein Schmerz auf, der uns bewegungsunfähig macht, plötzlich können wir nicht mehr denken und haben etwas vergessen, wir können auf einmal gar nicht mehr durchatmen oder finden keinen Schlaf. All das kann zusätzlich noch weiteren Stress in uns auslösen!
An diesem Punkt beginnt eine spürbare Abwärtsspirale und wir versuchen schnell und effizient eine Lösung zu finden. Dann lesen wir uns schlau, holen uns Rat und viele Meinungen dazu ein und rennen hilflos von Facharzt zu Spezialist ohne eine überzeugende oder dauerhafte Lösung zu finden. Oft fehlt der Überblick und es fühlt sich an, als seien wir gefangen in einem unübersichtlichen Labyrinth oder einem ermüdenden Kreislauf. Jetzt beginnt die Erschöpfung, manchmal auch die Resignation. Wir verlieren unsere Wirksamkeit und unsere Handlungskraft. In diesem Zustand findet sich manchmal nicht einmal mehr die Kraft, etwas oder sich selbst zu bewegen. Alles fällt schwer!
Für jeden andauernden Stress benötigt das System nicht nur mehr Energie zur Bewältigung, sondern zusätzlich noch Energie, um die erhöhte Reizleistung wieder zurück zu wandeln und sich zu entspannen. Sind zu viele Botenstoffe verbraucht, gelingt es dem Körper nicht einmal mehr, zur Ruhe zu kommen. Jeder Augenblick, der uns Ruhe bringt, ermöglicht es dem Körper zu regenerieren!
Zuerst gilt es also, herauszufinden, wo wir unsere Energie wieder zurückholen können. Was können wir reduzieren oder sogar ganz beenden? Welche Tropfen können wir abstellen, damit sie nicht länger unser Fass füllen? Was verausgabt uns, ohne dass wir es bemerken? Was lässt sich abschalten? Hierbei ist es vorläufig sinnvoll, so viele Bereiche wie möglich mit einzubeziehen und verschieden Reize abzustellen. Dabei geht es NUR um das Abstellen von Reizen!
Denn jeder automatische Ablauf hält das System in seiner Ordnung und gibt ihm Struktur und Orientierung. Alles, was geändert wird, kippt das System ins Chaos! Deshalb ist unser System sehr darauf bedacht, Neues zu vermeiden. Aus diesem Grund fallen uns neue Bewegungsabläufe und verändernde Verhaltensweisen oft schwer, auch wenn wir eigentlich wissen, dass sie gut für uns wären. Die Unbedarftheit und Neugier eines Kindes haben wir bereits verlernt. Wir sind selten dazu bereit, ohne eine vorgefasste Meinung oder genauere Kenntnisse an eine Situation heranzutreten und auszuprobieren, was dann mit uns geschieht. Unser System schaltet immer wieder zurück in mechanische, leichtere Abfolgen. Manchmal ist es allein schon schwierig, bestimmte Gewohnheiten, Abläufe oder Denkprozesse überhaupt wahrzunehmen. Um Dinge zu verändern oder umzulernen, müssen wir diese Prozesse zuerst einmal wiedererkennen, denn vieles ist eben ganz automatisch und damit unbewusst.
Die breite Fächerung von Auslösern und Reaktionen können wir uns dabei gut zunutze machen, indem wir dort genau hinschauen und uns beobachten. Dann entdecken wir Möglichkeiten, auf welche Weise wir uns entlasten und Vorgehensweisen abschalten oder verändern können, um allmählich wieder in einen ausgeglichenen Zustand zu finden. Gleichzeitig gilt es gerade bei starker Erschöpfung, den Alltag zurück zu erobern! Wir können beginnen, Schritt für Schritt Gewohnheiten wieder einzuüben, um uns aus der Überforderung herauszuholen. So finden wir allmählich zurück ins Gleichgewicht.
Jeder Moment in Balance ist Balsam für die Sinne! Das bedeutet, dass wir erst etwas sinnvoll verändern und für uns verbessern können, wenn unser System sicher und gut aufgestellt ist. Dann ist das Fass erfüllt mit dem Quell des Lebens und nährt uns und es kann wieder lebendig sprudeln.
